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Die Reifen meines Autos singen ihr Lied. Ich fahre auf der Autobahn in Richtung Norden. Meine Reise führt mich zurück in die kleine Stadt zu dem Haus in dem ich die ersten sieben Jahre meiner Kindheit wohnte. Durch einen Zufall erfuhr ich, dass das Haus abgerissen werden soll und so fuhr ich los, um noch einmal einen Bekannten zu besuchen. Vielleicht muss ich besser sagen, ich will ein Geheimnis lüften, welches mich die Jahre meiner Kindheit und auch später als Erwachsener immer mal wieder beschäftigt hat. Mein Bekannter war nicht irgendjemand, wie ein Schulfreund, eine Tante oder ein Opa aus der Nachbarschaft. Nein, mein Bekannter war der Weihnachtsmann. Während meine Geschwister, meine Freunde auf der Straße, meine Klassenkameraden in der Schule glaubten, der Weihnachtsmann lebt am Nordpol oder auch im Märchenwald, jedenfalls weit weg, wusste ich genau, wo er wohnte.

 

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Am Ende des Schuppens, der auf der gegenüberliegenden Seite unseres Hofes stand.

Der Schuppen war sehr groß und etwas schummrig. Früher hatte er wohl als Werkstatt und Lager einer Tischlerei gedient und aus dieser Zeit barg er noch Geräte, Material und sogar einen alten Pferdewagen. Die Tischlerei gab es schon lange nicht mehr,  als wir dort lebten. Niemand hatte sich die Zeit genommen, ihn einmal auszuräumen. Im Gegenteil, jede der Familien aus unserem Haus stellte Dinge, die nicht mehr benötigt wurden, dort ab. So kam es, dass man durch den Schuppen nicht mehr hindurchgehen konnte. Die Sonnenstrahlen, die durch die kleinen, halbblinden Fenster drangen und in denen der Staub flirte, fielen auf ein buntes Sammelsurium aus Holstapeln, Tuchrollen, alten Matratzen, eingestaubten Büchern sowie den alten Pferdewagen. Und wo wohnte nun der Weihnachtsmann?

 

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Ich hatte ihn entdeckt, als ich noch ganz klein war. Mein Vater trug etwas in den Schuppen und ich folgte ihm mit meinen kleinen Beinen. Während er noch räumte, machte ich eine unglaubliche Entdeckung. Durch das Rad des Pferdewagens hindurch, an der anderen Wand des Schuppens sah ich den Weihnachtsmann sitzen. Ganz deutlich sah ich ihn. Mit seinem roten Mantel, dem weißen Bart und seiner roten Mütze. Genau so, wie ich ihn vom letzten Weihnachtsabend noch in Erinnerung hatte. Kein Zweifel, er saß dort und schien mich nicht zu bemerken. Mein Vater beendete sein Räumen und wir verließen den Schuppen und meine unglaubliche Entdeckung. Aufgeregt erzählte ich ihm, was ich gerade entdeckt hatte. Er lächelte und erklärte mir, dass der Weihnachtsmann nur am Weihnachtsabend zu den Kindern kommt und das der Besuch bei so vielen Kindern sehr anstrengend sei und sich der Weihnachtsmann dann das ganze Jahr ausruhen müsse und wir ihn dabei nicht stören dürften und dass das Ganze und Geheimnis bleiben müsse.

 

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Und das bleib es auch, bis zum heutigen Tag, an dem ich euch diese Geschichte erzähle.

In den folgenden Jahren kam der Weihnachtsmann pünktlich nach dem Kaffeetrinken am Weihnachtsabend zu uns und brachte die Geschenke, nicht ohne von jedem von uns ein Gedicht oder ein Lied abgefordert zu haben. Seine Pünktlichkeit war für mich nicht erstaunlich. Wir waren sicher die Ersten, die er an diesem Abend besuchte, bei dem kurzen Weg über den Hof. Ich hatte auch stets das Gefühl, mir würde er immer noch beim Abschied zuzwinckern. Manchmal, ganz heimlich, besuchte ich ihn. Er saß stets an seinem Platz am anderen Ende des Schuppens und schien mich nicht zu bemerken. Ich wusste, er müsse sich ausruhen.

 

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Irgendwann bekamen meine Eltern eine neue Arbeitstelle und wir zogen in eine weit entfernte große Stadt. Der Weihnachtsmann besuchte uns noch ein oder zwei Mal, dann hinterließ er am Weihnachtsabend nur noch seinen Geschenksack. Das schien an der großen Entfernung zu liegen.

 

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Ich bin am Ziel meiner Reise angekommen und stelle meine Auto ab. Das Haus, in dem wir einst wohnten steht leer und verlassen. Links unten wohnte Oma Heidi, eine alleinstehende alte Dame, die für uns Kinder immer Kekse in ihrer Gebäckdose hatte. In der Wohnung darüber lebte Herr Ruttlof. Der war Gemüsehändler und putzte jeden Sonntagvormittag seinen eigentümlichen dreirädrigen Lieferwagen. Im Erdgeschoss rechts befand sich unsere Wohnung, drei Zimmer für meine Eltern, meine Geschwister und mich. Rechts oben wohnten Wagners. Wagners Tochter Evelyn war ein paar Jahre älter als wir und wollte mit uns Schule spielen, wobei wir meist alles falsch machten. Jetzt ist das Haus leer.

 

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Wild stehen die Gräser und ein paar einzelne Blumen im Vorgarten. Mit gespannter Erwartung gehe ich in den Hof und öffne den Schuppen. Aus der Perspektive eines Erwachsenen sieht der Schuppen anders aus. Jemand hat sich offenbar die Zeit genommen und aufgeräumt. Der alte Pferdewagen ist verschwunden und der Weg zum anderen Ende des Schuppens ist frei. Ich hocke mich nieder und halte aus der Augenhöhe eines Drei- bis Vierjährigen Ausschau nach meinem Weihnachtsmann. Und tatsächlich, dort sitzt er. Darf ich ihn heute stören? Leichter Zweifel ist in mir, ob ich das Geheimnis lüften soll oder doch besser gehe? Da mein Besuch wahrscheinlich die letzte Gelegenheit ist, die Existenz des Weihnachtsmannes zu klären, stehe ich auf und gehe die Schritte an das andere Ende des Schuppens. So stehe ich dort neben meinem Weihnachtsmann. Ein rotes Fass auf dem eine kleine weiße Kiste vor einer größeren gelblichen Kiste steht. Auf der größeren Kiste liegt noch ein rotes Stück Tuch. Ist es gut, dass wir Erwachsenen immer allen Dingen auf den Grund gehen wollen? Ich weiß es nicht. Ich stehe neben diesen Dingen, die meinen Weihnachtsmann bildeten, der mich all die Jahre in meiner Phantasie begleitete. Irgendwie fühle ich mich unsicher und enttäuscht. Ich wende mich um und gehe zurück zur Tür. In der Tür schaue ich noch einmal nach hinten und da! Auf einmal ist mir, als würde mir mein Weihnachtsmann zuzwinkern. Es gibt ihn doch!

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