Was ist mir Weihnachten?

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Uwe Liebold, Diakon, Königswalde

Wir Menschen brauchen Geschichten. Nicht Geschichten, die uns die Welt erklären, so dass wir sie von oben bis unten und von jeder Seite vollkommen verstehen. Solche Geschichten gibt es gar nicht.

Wir brauchen Geschichten, in die wir unser eigenes Leben einschreiben können. Das sind Geschichten, zu denen wir sagen können: ja, das verstehe ich; mir ist es auch schon so gegangen, und vor allem: das macht mir Mut und gibt mir Hoffnung und auch Kraft. Und das alles, auch wenn ich längst nicht alles verstehen und einordnen kann.

Die Bibel erzählt ganz viele solche Geschichten. Und oft erzählen diese Geschichten von Menschen, die Erfahrungen machen, die über unseren menschlichen Horizont hinausgehen.

Und es begab sich aber zu der Zeit … So fängt die Geschichte an, die wir jedes Jahr zu Weihnachten hören. Viele kennen sie aus den Gottesdiensten am Heiligabend, manchen sind sie durch die Stimme von Heinz Rühmann vertraut, der alljährlich im Fernsehen zu hören war.

Und es begab sich … Ein Geschehen, das den Menschen aus der Hand genommen ist. Es begibt sich, es trifft eine junge Frau, die von keinem Mann weiß, die verlobt ist und schwanger. Es trifft einen Mann, der gegen alle inneren Widerstände an seinem Ja zu dieser Jungfrau festhält. Es trifft dieses Paar, das kurz vor der Niederkunft noch über hundert Kilometer über Land ziehen muss, weil die Mächtigen es so wollen. Und es betrifft ein Kind, ein Flüchtlingskind in einem Stall geboren. Ein Kind, dem von Hirten und Weisen gehuldigt wird. Ein Kind, vor dem Menschen verschiedenster Herkunft auf die Knie gehen, das angebetet wird wie ein König, das dann aber doch auf der Flucht ist. Kaum geboren, trachtet man ihm nach dem Leben.

Dieser kleine König von Bethlehem stellt die Mächtigen in Frage und ist allein deshalb schon gefährlich und muss sterben.

Warum macht Gott das so? So könnten wir fragen, die wir es doch von unserer Welt so ganz anders gewöhnt sind. Denen, die mit Macht und Herrlichkeit daherkommen, denen kaufen wir es doch eher ab, dass sie das Potential haben, die Welt zu verändern. Aber einem kleinen König, der eigentlich nur ein Flüchtlingskind ist?

Warum macht Gott das so? Wir kennen ja die Geschichte. Am Ende wird der kleine König aufs Kreuz gelegt, wie viele andere auch. Muss Gott das so machen?

Vielleicht hilft uns gegen diese Frage eine Gegenfrage. Kann man Liebe erzwingen? Ist der mächtige Herrscher, der auf prächtigem Ross daherkommt, sofort auch ein Geliebter? Oder fürchten wir einen solchen mehr, als dass wir ihn lieben?

Ein kleines Kind im Arm ist wie eine Verheißung. Und jedes liebende Herz träumt seinem Kind eine Zukunft allen grausigen Realitäten zum Trotz. Ein kleines Kind ist eine Hoffnung.

Maria singt von dieser Hoffnung. Als der Engel ihr die Botschaft brachte, da stimmt sie ein Lied an, das davon singt, wie Armen und Elenden eine Zukunft geschenkt wird, wie Reiche und Mächtige von Thron gestoßen werden, wie Gott Recht schaffen wird.

Alles das, was Menschen zum Frieden und zur Gerechtigkeit dient, das besingt sie in ihrem Lied. Maria singt davon, dass Gott die Welt heil machen wird.

Und sie trägt das Kind unter ihrem Herzen, den kleinen König unserer Hoffnung, ja unserer Rettung.

Wir Menschen brauchen Geschichten, in die wir unsere Hoffnungen und Sehnsüchte einschreiben dürfen. Und vielleicht ist diese eine Geschichte besonders dazu geeignet.

Gott kommt uns in Liebe entgegen. Er verkleidet sich in den kleinen König. Genau genommen ist er der kleine König, der sich in unsere Hand gibt und auf unsere Liebe hofft. Der darauf hofft, dass er bei uns eine Heimat findet, dass er in unserem Leben einen Platz hat, bei uns aufwachsen und groß werden kann.

Liebe lässt sich nicht erzwingen. Sie kann nur werben, sich hingeben, sich verzehren, opfern – wie auch immer wir es nennen wollen. Und sie wartet auf Antwort.

Vielleicht ist uns diese Geschichte deshalb so wichtig, weil wir tief in unserem Herzen gerade in dieser Geschichte eine Antwort auf unser Suchen und Sehnen vermuten.

Und ich glaube, sie kann die Antwort sein. Weihnachten kann heißen, dass der kleine König in ein Menschenherz einzieht. Es kann heißen, mit diesem kleinen König schwanger zu gehen und ihm das Leben im eigenen Leben zu schenken.

Wir brauchen keine Angst zu haben, dass wir den kleinen König mit unserem Hoffen und Sehnen überfrachten. Er ist eben nicht nur der kleine König, sondern auch der Herr der Welt.

In einem alten Lied heißt es:

Er äußert sich all seiner Gewalt,

wird niedrig und gering,

und nimmt an eines Knechts Gestalt,

der Schöpfer aller Ding.

Weihnachten kann heißen, dass ich allen grausigen Realitäten der Welt zum Trotz mit Maria das Lied anstimme, das von Zukunft und Hoffnung singt, das davon singt, dass Kinder überall auf der Welt in Frieden spielen können, dass es viel Brot und guten Wein gibt, aber dafür keine einzige Waffe mehr.

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