Frankfurter Illustrierte vom 24.Dezember 1955, Weihnachtsausgabe

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Weihnachtsheft der Frankfurter Illustrierten , Jahrgang 1955

Die Texte und Bilder dieser historischen Zeitung zeigen die Bedeutung des Weihnachtsfestes in der damaligen Bundesrepublik Deutschland

Weihnachtsausgabe, Frankfurter Illustrierte 1955

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Barocke Weihnachtskrippe im Dom zu Neapel
Weihnachtskrippe im Dom von Neapel

„Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge,“ Nur wenige, schlichte Worte sind es, mit denen die Bibel den Ort schildert, an dem nach dem Glauben der Christen das große Geschehen der Weihnacht sich vollzog. Seit den frühesten Zeiten des Christentums begnügten die Menschen sich nicht mit dem spärlichen Bericht. Künstler, Handwerker, Angehörige vieler Stände machten sich mit liebevoller und verehrender Phantasie daran ihn so auszuschmücken und zu ergänzen, wie es ihrem Zeitgefühl und ihrem Vorstellungsvermögen entsprach. Es blieb nicht bei dem „Öchslein und dem Eselein“, die sich schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt den bibli
schen Personen, dem Kind in der Krippe, Maria, Joseph, den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland hinzugesellten. Man stellte die Krippe, die man in der Weihnachtszeit in Wohnhäusern aufbaute, mitten in die eigene Landschaft, in das Geschehen der eigenen Städte und Dörfer. In dem Wettstreit um die schönsten und eindrucksvollsten Weihnachtskrippen stand Italien bald an der Spitze. Die große Krippe im Dom zu Neapel, die im 18. Jahrhundert, zur Zeit des Barock, entstand, ist eine der rührendsten.


Hier kann das Auge Spazierengehen und immer neue Einzelheiten entdecken. Es ist, als hätten die Schöpfer der Krippe von Neapel sich nicht genug tun können in dem Bestreben, ihre gläubige Verehrung in einer geradezu verwirrenden Fülle von Menschen, Tieren und Sachen auszudrücken. Sie waren echte Kinder einer Zeit, die auch in Kunst und Kunsthandwerk Bewegtheit, Überfülle und dramatische Wirkung der ruhigen Klarheit einer vorhergehenden Epoche vorzogen. Aber sie vergaßen bei alledem doch nicht den Mittelpunkt: die Heilige Familie am Fuße der wildromantischen Säulengruppe. Auf sie ist auch die Aufmerksamkeit dieser, in ihrem Kartenspiel jäh unterbrochenen Bauern und Hirten gerichtet.

Weihnachtskrippe Dom Neapel
Weihnachtskrippe im Dom von Neapel, Detailansicht

Kaum ein Berufsstand fehlt in dem großen Welttheater, wie es diese berühmte Weihnachtskrippe, gleich vielen ihresgleichen, auf ihre Weise vor dem Auge des Betrachters abrollen läßt. Man muß sich nur die Mühe nehmen, die Barockkrippe von Neapel bis in ihre letzten Ecken auszuforschen, dann wird man sie alle entdecken: die Engel, die Mohren, die Sänger, die Kaufleute, die Soldaten und (wie auf diesem Bild) die süditalienischen Weinbauern mit ihren Fässern, ihren Tonkrügen, ihren in Bast gepackten Chiantiflaschen und ihren reichverzierten Wämsen.


Neapel, Weihnachtskrippe
Weihnachtskrippe Neapel, Winzer im Weinberg